CriticalMass Budapest

Ich möchte Teil der Bewegung sein

Das mit der Bewegung haben so ähnlich schon Tocotronic gesungen. Damit haben sie einen Impuls beschrieben, der die Popkultur am Leben hält. Auch die Kolumnistin Paula Irmschler kennt dieses Gefühl. Auf der Suche nach Halt und einer Peer-Group, die ihr ein Zuhause gibt, stolpert sie allerdings manchmal auch dahin, wo es wehtut. Diesmal im strömenden Regen auf der Critical Mass am 30. Juli in Köln.

vollständiger Beitrag von Paula Irmschler bei INTRO.de:

Die Strapazen eines Fußgängerlebens sind enorm: Alles Vorankommen dauert, man schwitzt im Sommer, bibbert im Winter, Knieprobleme und Frisur. Diebe wollen einem an die Tasche, Männer ans Gesäß und überhaupt – gehen. Autofahren birgt ebenfalls Aggressionspotenzial: Stau, Spritgeld, Ampeln und der Hass einfach aller, einschließlich anderer Autofahrer. Der ÖPNV hingegen kostet unendlich, man kommt nie pünktlich an, die übliche Stinkerei im Bus und Kontrolleure, die einem schon allein mit ihrer Nazimimik auf den Keks gehen. Dabei scheint der tägliche Selbsttransport viel mehr als das gute alte Von-A-nach-B zu sein, liebe Leute. In Wahrheit ist es Politik. Fahrradfahren zum Beispiel ist Lifestyle, Revolution, Anarchie, Prekariat, Kapitalismusabsage und Subkultur in einem. Fahrradfahrer sind im Grunde der Feminismus unter den Verkehrsteilnehmern. Zwischen und hinter mackerigen, Platz einnehmenden Autos und deren schlecht gelaunten Insassen müssen sie sich ihre Wege suchen, leben in ständiger Gefahr, werden beschimpft, stören angeblich den normalen Verkehrsbetrieb, werden nicht ernst genommen, wirken schrill und haben nur dürftig eingerichtete eigene Pfade und Nischen. Fahrradfahren ist Underdog-Identität. Da mach ich mit!

Einmal im Monat findet in mehreren Städten die Critical Mass statt. Es geht um die fiese Benachteiligung von Fahrradfahrern im Straßenverkehr. Da Zweirädler so unglaublich militant, öko, vital und sexy wirken, schließe ich mich an, diesem Umstand ein Ende zu bereiten. Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Wege klaut. Unter dem Motto »Wir sind Verkehr« (hihi) treffen sich auch in Köln regelmäßig mehrere Hunderte Drahteselbesitzer, um auf sich aufmerksam zu machen, indem sie die Straßen fahrenderweise blockieren. Ich leihe mir ein Holland-Rad, fahre zum im Internet kommunizierten Treffpunkt, reiße mich beim Hintenrum-Reiben des Sitzes zusammen und versuche, nicht auf die Schnauze zu fallen. Natürlich gibt es keine Organisation, es handelt sich scheinbar um spontanen Volkszorn, und trotzdem kennt jeder ebenjenen Organisator, den es nicht gibt. Ich bin verwirrt. Ein bisschen erinnert das an Anonymous, nur mit mehr Inhalten. Was wir wollen, kommunizieren wir allerdings gar nicht. Es gibt Demo-untypisch keine Plakate, keine Sprechchöre und auch kein Gerangel mit der Polizei. Liebevoll wird Letztere sogar als »Team Blau« bezeichnet, wie süß ist das denn? An jeder roten Ampel halten wir. Dramatische Szenen spielen sich dann ab, wenn von einer der Nebenstraßen doch mal so ein Autoschwein auf uns zukommt. Eine Frau sagt heldenhaft zu Mann und Kind: »Lasst mich zurück, ich blockier den schnell!« und wirft sich vors Auto. Also, sie stellt sich quer davor. Man nennt das, was sie tut, »Corken«. Es ist übrigens ein Taxifahrer, der keine Ahnung hat und eigentlich auch gar nichts will. Ein Radfahrer neben mir freut sich: »Dem haben wir es aber gezeigt!« Ich setze zum dreckigen Lachen an, ziehe aber zurück, als ich merke, dass das gar keine Ironie ist. Auch sonst gibt es viel Ernst und Regeln: keine Lücken, nicht rasen, der Ton macht die Musik, Rücksicht nehmen, kein Bier, aber bitte selbst entscheiden, einer für alle und so weiter.

Auf den Gehwegen lachen uns Goldkettenträger aus, beobachten uns kleine blonde Mädchen mit Staunen und Eis, rennt ein verrückter, alter Mann ein Stück mit uns mit – er will uns Deutschlandfahnen für die Räder verkaufen, Tröten, Vuvuzelas, Drogen und weiß der Geier was noch. Das wäre immerhin eine Message, aber wir müssen weiter. Weiter, immer weiter, gefühlt die ganze Stadt abradeln, ich bin mittlerweile richtig drin. Unter Brücken wird heftig abgeklingelt, es läuft Musik, Party, was für ein Spaß, wir sind die Queens der Straße. Sogar als der Regen des Jahrhunderts auf uns niederprasselt und die Autofahrer schadenfroh kichern, hält uns das nicht auf. Wir ziehen durch, jetzt erst recht: hier und jetzt Wet-T-Shirt, Mähnen schütteln, Regen trinken. Ich erwäge ein neues Partykonzept namens Radregen-Raves, und während ich schon den Lizenzstreit im Kopf durchspiele, legt es mich längs über einen Ast direkt in eine riesige Pfütze. Der Traum ist aus. Ich hab eine Acht im Rad, gehe bedröppelt von hier an zu Fuß. Auf dem Nachhauseweg per pedes zockt mir im Vorbeigehen noch irgendein Schurke mein Handy aus der Tasche, und ein Auto klatscht mir im Vorbeifahren eine volle Ladung Pfützenwasser über die andere, noch trockene Körperhälfte. Bleibt nur die Hoffnung auf Raketen und Co.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s