Rote Ampeln – Quatsch!

Auch wenn gar kein Auto kommt: Wer als Radfahrer bei Rot in die Pedale tritt, dem drohen ein Bußgeld und viele erhobene Zeigefinger. Höchste Zeit, diesen Unsinn abzuschaffen.

An roten Ampeln halten – das ist Quatsch!

Kürzlich, auf dem Fahrrad, habe ich nachgezählt. Auf dem Weg zur Arbeit sind es genau zehn. Zehn Fußgänger- und Fahrradampeln. Und wie das so ist: Fast immer sind sie rot, auch dann, wenn kein Auto kommt. Immer dann überlege ich: Bremsen ziehen und warten, bis Grün ist? Oder drauf pfeifen?

Ich gebe zu, meist pfeife ich drauf. Es gibt nichts Blöderes, als eine Straße nicht zu überqueren, die leer ist. Aber jedes Mal gibt es mir einen kleinen Stich. Nicht so sehr, weil ich das Bußgeld fürchte – obwohl ich auf die 100 Euro und den einen Punkt in Flensburg natürlich nicht scharf bin. Einen Stich gibt es mir, weil ich kein schlechtes Vorbild sein will – wie der Mann damals.

Ich war ein fröhlicher Siebenjähriger und mit anderen fröhlichen Siebenjährigen und einer Erzieherin auf einer Ferienfreizeit. Schnitzeljagd durch die Stadt, ein Mann überquerte die Straße bei Rot. „Dem zeigen wir’s!“, rief die Erzieherin. Wir deuteten mit dem Finger auf den Mann und schrieen: „Schlechtes Vorbild! Schlechtes Vorbild! Ätsch!“

In Idaho gelten Ampeln als Stoppschilder

Das Argument kennt jeder, zumindest jeder Deutsche. Wenn ein Erwachsener mit dem Rad über eine rote Ampel fährt, sehen es womöglich Kinder, tun es ihm irgendwann nach – und werden überfahren. Das ist Volksweisheit, das ist in Stein und in den Geist der Straßenverkehrsordnung gemeißelt. Und es ist völliger Schwachsinn.

Idaho ist einer der konservativsten Staaten in den USA, die Republikaner haben hier seit 50 Jahren so ziemlich jeden Wahlsieg abonniert. Aber 1982 verhielt sich Idaho mal ganz unkonservativ. Seitdem dürfen die Radler dort auch bei Rot fahren, die Ampeln gelten nur noch als Stoppschilder. Kurz anhalten, gucken, weiter gehts. Und was ist passiert? Nichts. Die Zahl der Verkehrsunfälle ist nicht gestiegen, sondern sogar gesunken.

Jetzt könnte man einwenden: Idaho?! In dem Flächenstaat gibt es etwa sieben Einwohner pro Quadratkilometer. Kein Wunder, dass die sich nicht totfahren!

Auch Frankreich radelt bei Rot

Dann sage ich: Paris. Hier dürfen Fahrradfahrer an roten Ampeln rechts abbiegen, an manchen dürfen sie auch geradeaus fahren. Die Stadtverwaltung teilte mit, die Regelung sei „nicht unfallträchtig“ und vermeide Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern. Paris hat übrigens 21 000 Einwohner pro Quadratkilometer. Berlin hat knapp 4000.In Nantes, Bordeaux, Strasbourg – alles Städte mit einer vergleichbaren Bevölkerungsdichte – gilt die Idaho-Regelung. In mehreren Jahren wurde kein einziger Unfall aufgrund der Rot-Freifahrt dokumentiert.Die Erklärung ist einfach. Weil Fahrradfahrer – anders als Autofahrer – nicht mit einer Hülle um sich herum durch die Gegend kurven, sehen sie besser, hören sie besser. Das hilft auch an Kreuzungen. Sie sind vorsichtiger, langsamer, der Bremsweg ist viel kürzer. Verkehrswissenschaftler, grüne und linke Politiker plädieren daher seit Jahren dafür, auch bei Rot fahren zu dürfen.Deutsche Städte würden dann nicht gefährlicher. Sondern fahrradfreundlicher. Wer nicht an jeder Ampel halten muss, steigt eher aufs Rad, um zur Arbeit zu kommen. Oder zu Freunden. Oder ins Kino.Das wäre für alle gut: Es gäbe weniger Autos auf den Straßen, sauberere Luft, belebtere Innenstädte.

Und eine unnötige Regel weniger.

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